LdS_Katalog_Karte

LdS_Katalog_Karte

LdS_X_Gaffel_Geschenkbox

LdS_X_Gaffel_Geschenkbox

LdS_X_Gaffel_Koelsch_2

LdS_X_Gaffel_Koelsch_2

Liebe deine Stadt – Architektur & Demokratie

Dr. Jörg Biesler (Deutschlandfunk / WDR)

 

Der Künstler Merlin Bauer stößt mit seinem Kunstprojekt „Liebe deine Stadt“ Prozesse an. Er lenkt die Aufmerksamkeit und appelliert damit an Bürgerinnen und Bürger, Verantwortung zu übernehmen für ihre Stadt. Wenn sie ihre Stadt lieben, dann birgt das Potential für Veränderung! Dann ist es nicht egal, in welchem Zustand diese Stadt ist. Und das hat Folgen – für die Gebäude, Plätze und damit auch für die Gesellschaft. Seine Arbeiten sind keine hermetischen Objekte, sondern Kristallisationspunkte einer „Sozialen Plastik“. Diesen Werkbegriff begründete Ende der 1960er Jahre Joseph Beuys als Teil eines „erweiterten Kunstbegriffs“. Und so entsteht diese konzeptuelle Kunst in einem dynamischen Prozess, bei dem Menschen kreativ beteiligt werden, indem sie ihr soziales Umfeld und die Gesellschaft mitgestalten. Merlin Bauer involviert in seinem Projekt alle Bürgerinnen und Bürger, Kunstbegeisterte wie Fußballfans, Politik und Stadtverwaltung, Karnevalisten und Theaterfans.

 

Wenn Sie diesen Liebe deine Stadt x Gaffel-Geschenkkarton erworben haben, ihn verschenken oder selbst genießen, dann werden auch Sie Teil dieser sozialen Plastik und damit eines Kunstwerks, das Merlin Bauer initiiert hat. Herzlichen Glückwunsch!

 

Kölnerinnen und Kölner lieben ihre Stadt sowieso. So heißt es jedenfalls. Was aber bedeutet das? Merlin Bauer stellt diese Frage und schafft Gelegenheiten zur Beantwortung: Zum Beispiel mit der „Strandbox“ (Abb. S. 8), einem rot-weiß lackierten Eisverkäuferrad, das als mobile Bar einen Ort markiert, einen Treffpunkt herstellt, einen Aktionsraum schafft, in dem Begegnung möglich wird und Reflexionen über den Stadtraum stattfinden.

Oder mit den gigantischen „Liebe deine Stadt“-Preisschleifen (Abb. S. 1), die herausragende Gebäude der für Köln so prägenden Nachkriegsmoderne sichtbar auszeichnen. Mit einem Pavillon, der wie eine Mischung aus Kiosk und Museum daherkommt, Kunst-Multiples in Form von „Liebe deine Stadt“-Unterhosen, -Schokolade und – Schneekugeln (Abb. S. 18) offeriert und damit Hoffnung und Trost vermittelt und einen Anlass bietet, miteinander ins Gespräch zu kommen; und nicht zuletzt ist da dieser warmleuchtende, weitsichtbare Schriftzug im Herzen der Stadt: „Liebe deine Stadt“ (Abb. S. 24). Merlin Bauers Kunstprojekt ist ein Appell gegen Achtlosigkeit und es macht Spaß, diesem Imperativ zu folgen.

Mitten im Alltag erinnern uns die künstlerischen Interventionen Merlin Bauers daran, dass die Stadt nicht selbstverständlich liebenswert ist. Sie wird es erst durch das Engagement ihrer Bewohnerinnen und Bewohner, die sie für sich in Besitz nehmen müssen, besonders in Zeiten, in denen die Stadt auch Spekulationsobjekt ist und ihre Gestalt auch das Produkt globaler Finanzströme. Merlin Bauer hat für die Potentiale aber auch für die Probleme der Stadt eine breite Öffentlichkeit geschaffen. Wie ein Regisseur bringt er Menschen in Konstellationen zusammen, schafft Anlässe, zu denen die Stadtgesellschaft Akteur werden kann. Und Merlin Bauer glaubt an die Kraft des Positiven und die Kraft der Vielen: Liebe deine Stadt! Und tue etwas dafür!

Wenn die Not am größten ist…

Merlin Bauers Projekt „Liebe deine Stadt“ nahm seinen Anfang als in Köln vor über 20 Jahren Gebäude abgerissen werden sollten, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs Zeichen setzten für den demokratischen Aufbruch: die Oper, das Schauspiel, die Josef-Haubrich-Kunsthalle. Letztere Ort legendärer Kunstereignisse der 60er und 70er Jahre, von Happenings und Fluxus-Aktionen von Joseph Beuys und Wolf Vostell. Was Kunst war, wurde damals neu definiert und vor allem wurde sie geöffnet. Nicht mehr nur Berufene und Diplomierte konnten teilhaben – in jedem und jeder steckte fortan das Potential, Kunst zu schaffen. Kunst war kein elitärer Raum mehr, sondern ein Ort der gegenseitigen Verständigung.

2003 wurde ausgerechnet dieser Ort, an dem Avantgarde-Kunst weltweit führender Künstlerinnen und Künstler und Öffentlichkeit sich begegneten, die Kunsthalle (Abb. S. 4), tatsächlich abgerissen. Für viele in der Stadt war das ein Beleg für das Scheitern demokratischer Strukturen, zumal Politik und Verwaltung mit dem schwer begründbaren Abriss erstmal nicht mehr als eine innerstädtische Brache geschaffen hatten. Die Neuplanungen für ein Kulturquartier am Neumarkt verzögerten sich, erst 2010 konnte es eröffnet werden.

Die Wunde am Neumarkt war noch nicht geschlossen als das Historische Archiv der Stadt Köln, eines der bedeutendsten Archive in Europa, am 3. März 2009 bei Bauarbeiten an der U-Bahn eingestürzt ist. Die Krise der Kulturstadt Köln weitete sich damit aus. Nicht nur Politik und Verwaltung, auch die Bauaufsicht hatte nicht funktioniert und nun lag das Gedächtnis der Stadt im Schlamm der Baugrube.

Köln hatte sein bauliches und kulturelles Erbe vernachlässigt und die Stadt aggressiven Investoren überlassen, denen ohne Vergabeverfahren zentrale städtische Bauprojekte übertragen wurden. Beim Technischen Rathaus in Deutz 1996 und später dem Neubau von Messehallen wurden hunderte Millionen Euro verschwendet. All das stürzte die Stadt in eine gesellschaftliche Depression. Immobilienmakler und Baulöwen hatten die Stadt im Griff, eine Stadt, die sich als Kunstzentrum drei Jahrzehnte zuvor mit New York maß und messen konnte.

Liebe deine Stadt! Und rette sie!

Das Projekt „Liebe deine Stadt“ initiierte Merlin Bauer, um Köln neuen Mut einzuhauchen. Nach dem offensichtlichen Versagen der Politik suchte er damit eine breitere demokratische Basis für die Verantwortung in der Stadt. Dazu schärfte er den Blick auf die bedrohten Qualitäten der Stadtgestalt und auch auf die Chancen und Utopien vor allem der Nachkriegszeit, die sich in Plätze und Gebäude eingeschrieben hatten. Damals war Aufbruch: Im demokratischen Gemeinwesen sollten Diskurs und Debatte in Kunst und Politik bestimmend sein auf dem Weg zu einer Entscheidung im Sinne des Gemeinwohls. Anfang der 2000er Jahre dominierten in Köln Eigennutz und Korruption. An die Stelle der Liebe zur Stadt war die Suche nach dem eigenen Vorteil getreten.

Mit spielerischen Aktionen lädt Merlin Bauer zu Diskussion und Gemeinschaft ein. Seine Aktionen feiern die architektonischen und städtebaulichen Qualitäten und sind damit wie oft in der Konzeptkunst von hohem identifikatorischen Potential. Dabei ist „Liebe deine Stadt“ auf intelligente Weise doppelbödig angelegt, nämlich auch als dezidiert kritische Arbeit über Vernachlässigung, Gedankenlosigkeit und Korruption: „Liebe deine Stadt“! Der Imperativ ist kein Zufall und nimmt man ihn ernst, kann er nicht ohne Folgen bleiben.

Die Kunst ist das Konzept

Das Projekt „Liebe deine Stadt“ schließt an eine konzeptuelle Tradition an, in der etwa auch die statistisch angelegte Arbeit „Shapolsky et al. Manhattan Real Estate Holdings, A Real Time Social System, as of May 1, 1971” von Hans Haacke steht. In der geht es um intransparente Geschäfte New Yorker Immobilienhaie wie Harry Shapolsky. Haacke recherchierte deren Praktiken, etwa überhöhte Mieten für sanierungsbedürftige Häuser, und montierte 146 Fotos von New Yorker Gebäuden, sechs Tabellen mit Finanztransaktionen und Pläne von Harlem und der Lower East Side in Glasrahmen und machte so die Geschäfte nachvollziehbar. Seine Arbeit machte die Zustände sicht- und anklagbar.

Auch Merlin Bauer setzt mit „Liebe deine Stadt“ auf Aufklärung – und auf Emotion. Was die Stadt ausmacht, ist die Gegenwart der Anderen, die Feier der Gesellschaft, die sich sichtbar machen lässt mit so geringen Mitteln wie einem Eisverkäuferfahrrad. Bauer fand zu einer eigenen, die Stadtfarben Rot und Weiß aufgreifenden Formensprache und schließlich zu einem ikonischen, dauerhaft sichtbaren Schriftzug, der 2007 auf dem Dach eines Geschäftshauses über der zentralen Nord-Süd-Fahrt seinen perfekten Ort fand: „Liebe deine Stadt“.

„Liebe deine Stadt“ ist vor allem eine konzeptuelle Arbeit. Das ermöglicht ein Wachsen der Arbeit über sich und ihren Initiator hinaus mitten hinein in ihr Thema, die Stadt. Die Arbeit besteht zwar zunächst aus Objekten. Ihr eigentliches Wesen aber ist prozessual, ihre Aussage universell. Angepasst auf die jeweiligen Soziotope und Bildtraditionen könnte sie auch die Situation in jeder anderen Stadt zum Thema haben und ist daher hochadaptiv.

Die Offenheit der Arbeit als soziale Plastik führt dabei auch zu nicht autorisierter und damit missbräuchlicher Verwendung. „Liebe deine Stadt“ findet sich auf Frühstückbrettchen und Kuschelkissen, es gibt zahlreiche formal-graphische Adaptionen für Werbezwecke und auch der Fußballer Lukas Podolski (Abb. S. 12) fand „Liebe deine Stadt“ passend für Shirts seines Modelabels und verwendete Fotos des Original-Schriftzugs für das Cover einer CD mit dem Titel „Liebe deine Stadt“. Auch in diesen verkitschten, profitorientierten Adaptionen spricht sich letztlich der Wunsch nach Identifikation mit der Stadt aus, auch wenn hier eine Umdeutung des Kunstwerks und seiner inhaltlichen Aussage stattfindet.

Labor neuer Strategien

Solche Möglichkeiten, Diskurse humorvoll und emotional in die Breite der Gesellschaft zu tragen, werden dringend gebraucht in Zeiten, in denen die Zentren der Städte auch durch Digitalisierung und Klimawandel bedroht werden. Wie können die Städte attraktiv bleiben, wenn Einkaufen mehr und mehr im Netz stattfindet? Wie können sie klimafreundlicher werden? Wie schafft man wieder Platz für innerstädtisches bezahlbares Wohnen, für Kultur, für kleine Gewerbe? Wie bewältigen die Städte den Verkehr, wo bieten sie Freiraum, Schatten, Erholung?

Wendet man sich der eigenen Umgebung unter dem Motto „Liebe deine Stadt“ zu, dann werden sich auf viele dieser komplexen Fragen neue, andere Antworten finden. Wie wir in den Städten leben, diskutieren und gestalten, das kann ein Labor sein für die Lösung von Problemen auch globalen Maßstabs. Funktionierende Gemeinwesen, deren Mitglieder selbstverantwortlich, gleichberechtigt und demokratisch um die beste Zukunft streiten, sind nicht ohne utopische Dimension – aber mit Blick auf die Strategien der Konzeptkunst Merlin Bauers auch nicht ohne Realisierungsaussicht, mindestens in Teilen und Momenten. Aus dem freundlichen Imperativ entsteht eine soziale Plastik mit utopischem Potential, die aus Ideen, Köpfen und Herzen besteht. Sobald der erste Gedanke gefasst, die ersten Argumente getauscht sind, gibt es Gründe, die Stadt zu lieben, sie ist ja nun viel mehr die eigene als vorher.

Erregung öffentlichen Muts

Wer die Aktionen von „Liebe deine Stadt“ erlebt und deren Folgen beobachtet, der wird trotz realistischer Sicht auf die Gegenwart der Städte nicht anders können, als Hoffnung zu schöpfen. Und zwar, weil die Menschen geimpft durch den Gedanken „Liebe deine Stadt“ Abwehr- und Gestaltungskräfte entwickeln. Das Konzept der Kunst von Merlin Bauer zielt mit diesem Imperativ – wenngleich leicht und spielerisch – auf die entscheidende Frage: Wie wollen wir leben?

In Zeiten tiefgreifender Veränderungen bedarf deren Beantwortung neuer Anregung, neuer Erregung, neuen Muts. Ihre Formulierung beginnt in der Nachbarschaft, in unseren Städten. Wir sollten sie lieben!

 

Der Autor

Dr. Jörg Biesler ist Kunst- und Architekturhistoriker. Er arbeitet vor allem als Kulturjournalist für den Deutschlandfunk und den WDR. Er moderierte lange Jahre voll Freud‘ und Leid den Prozess der Kulturentwicklungsplanung in Köln, eine Stadt, die er liebt.

 

________________________________________________

 

DIE GESCHENKBOX „LIEBE DEINE STADT“ (Abb. unten)
>>> HIER ONLINE BESTELLEN:

1 x Sonderflasche 0,33l Gaffel Kölsch

2 x Sonderglas 0,2l

1 x „Liebe deine Stadt“-Köln-Stadtplan konzipiert von Merlin Bauer, Prof. Anne-Julchen Bernhardt, Prof. Dr. Adria Daraban, Tobias Schwuchow und Boris Sieverts

1 x „Liebe deine Stadt“-Mini-Katalog mit einem Text von Dr. Jörg Biesler (Deutschlandfunk / WDR) und 35 Abbildungen.

1 x Gutschein für zwei frisch gezapfte Gaffel Kölsch 0,2l im Gaffel am

 

 

 

[Der hier zu lesende Text ist dem Mini-Katalog der „Liebe deine Stadt“-Geschenkbox entnommen]