„Liebe deine Stadt – Architektur und Demokratie“
Einführung in das prozessuale Kunstprojekt
des Konzeptkünstlers Merlin Bauer
»Liebe deine Stadt« – dieser Imperativ scheint an keinem Ort überflüssiger zu sein, als in Köln. Nirgends teilen die Bewohner*innen mehr gemeinsame Lieder über ihre überbordende Liebe zu ihrer Stadt und verklären mit Gesang selbst stark vernachlässigte Stadträume (»Guten Morgen Barbarossaplatz«). Doch weil Liebe auch blind machen kann, brauchte es vermutlich den Blick von außen, um zu erkennen, dass hier einiges schief läuft.
Der Konzeptkünstler Merlin Bauer kam kurz nach der Jahrtausendwende aus Graz hierher und traf auf eine Stadtgesellschaft, die gerade dabei war, sich durch die Vernachlässigung architektonischer Leistungen des Wiederaufbaus nach der fast völligen Kriegszerstörung kulturell zu demontieren. Der drohende Abriss der 1967 eröffneten Kunsthalle führte ihn 2002 zu einem ersten Projekt in Köln mit dem imaginären Titel «Unter dem Pflaster der Strand – Momentane Orte«. Mit geringstem Aufwand – einem Fahrrad mit rot-weiß-lackierter Kühlbox und einem UKW-Piratensender – schuf er sich eine mobile Plattform, um an wechselnden Orten die exemplarische Nutzung öffentlicher Räume zu diskutieren. Die »Strandbox« lieferte die fehlende Infrastruktur für Musik, Speisen und Getränke, um ein Miteinander aller Teilnehmer*innen zu initiieren.
Der Abriss der Kunsthalle markierte 2003 eine kulturpolitische Weichenstellung, die sich im Zeitalter von Nachhaltigkeit und Ökologie bald als kulturpolitische Fehlentscheidung darstellen sollte. Das »Kölner Loch« führte zu Protesten, bei denen sich Bürger aus unterschiedlichen Kreisen mit einem gemeinsamen Anliegen versammelten. Als 2010 das Kulturzentrum am Neumarkt eröffnet wurde, war mit dem fahrlässig herbeigeführten Einsturz des Stadtarchivs im Jahr zuvor (3.3.2009) eine Zäsur eingetreten, die jene Stimmen lauter werden ließ, die den »Mut zur Kultur« und das persönliche Engagement der Bürger einforderten.
Zu diesem Zeitpunkt hatte das 2005 von Merlin Bauer begonnene Projekt »Liebe deine Stadt« schon eine Breitenwirkung erreicht, die weit über die Stadtgrenzen hinausgeht und etliche internationale Nachahmer aber auch die künstlerische Autorenschaft missachtende kommerzielle Trittbrettfahrer gefunden hat. In einer ersten Kampagne hatte er vom Abriss bedrohte Gebäude durch qualifizierte und prominente Laudatoren würdigen und sie weithin sichtbar mit einer übergroßen rot-weißen Preisschleife auszeichnen lassen, wie man sie im Kleinformat aus dem Pferdesport kennt. Mit Hiltrud Kier, der ehemaligen Stadtkonservatorin, und Peter Zumthor fanden sich im Falle des in Sichtweite des damals im Bau befindlichen Kolumba gelegenen Opernhauses gleich zwei »Paten« für die architektonische Finesse eines Gebäues, dessen nicht enden wollende Sanierung bis heute zum Zeichen dafür geworden ist, dass anspruchsvolles Bauen unter zeitlichem bzw. ökonomischen Druck und in Erfüllung überbordender technischer und behördlicher Auflagen nicht nur in Köln zum Scheitern verurteilt ist.
Als Konzeptkunst ist »Liebe deine Stadt« allerdings weder mit Politik noch mit Stadtmarketing zu verwechseln. Im Sinne einer »Sozialen Plastik« bewegt Merlin Bauer Prozesse, bei denen die Urheberschaft beim Künstler bleibt, die aber offen sind, für alle, die darin partizipieren wollen bzw. zur Partizipation eingeladen oder aufgefordert werden. Wie kein anderes künstlerisches Projekt der Gegenwart hat er es geschafft, gesellschaftliche Kreise zusammenzuführen, die sich sonst kaum begegnen. Der unverwechselbare Schriftzug, dessen dauerhafte Präsenz über der Nord-Süd-Fahrt die RheinEnergie durch Ankauf der Stadtgesellschaft geschenkt hat, hat sich in die DNA der Stadt eingeschrieben. Er wurde von den Fans des 1. FC stolz als Fahne ins Fußballstadion getragen, findet sich in Schulbüchern, aber auch als Multiple in Kunstsammlungen und ebenso als „Liebe deine Stadt“-Tattoos eingeschrieben in die Haut vieler Kölner*innen.
Auf subversive wie intelligente Weise »kapert« Merlin Bauer alle Formate und Institutionen. Sein Fest- und Protestwagen „Ihr seid Künstler und wir nicht!“ nutzte 2010 den Rosenmontagszug als riesige Plattform für seine Kritik am Abriss des Schauspielhauses mit freundlicher Unterstützung des Festkomitee Kölner Karneval. Und erst im vergangenen Jahr überformte und durchwebte er den Kölner Stadt-Anzeiger mit seiner Kunst-Sonderausgabe „Liebe deine Stadt – Architektur & Demoktratie“ (Auflage 220.000 Ex. ) zum Eröffnungstag der Art Cologne, indem er in jedem Ressort (Gast-)Beiträge unterbrachte, die sich im Spannungsfeld von Stadtplanung mit Fragen der sozialen und ökologischen Transformation unserer Städte auseinandersetzen.
Text:
Kurator*innen-Team des Museum Kolumba

